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Konzert in der Carnegie Hall

Artikel in "Time" 1962

Der "Barockengel"

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere

New Grove Dictionary of Music and Musicians

Echo zum 75. Geburtstag

Scherbaum u. d. Glanz des Barocks

Rundfunksendung

Urteil von Maurice André

Erinnerungen von Ludwig Güttler

Brief von Edward H. Tarr

Brief von Philip Jones

Brief von Timofej Dokschitzer

Gheorghe Musat, Rumänien

Brief von Graham Ashton

Friedel Keim

International Trumpet Guild

Erinnerungen der Berliner Philharmoniker

Nachruf von Matthias Scherbaum

Scherbaum-Schüler Josef Bayer

Scherbaum-Schüler Josef Kneißl

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Auszüge aus dem Vortrag von Prof. Dr. Detlef Altenburg
(Universität Regensburg, Lehrstuhl für Musikwissenschaft)
am 21.11.1995 in Sulzbach-Rosenberg
im Rahmen der Dienstags-Diskussionen der Universität Regensburg

(...) Adolf Scherbaum, einer der bekanntesten Trompeter nach dem Zweiten Weltkrieg, hat als einer der Pioniere der Alten Musik ganz entscheidend die Geschichte der Aufführungspraxis geprägt und wesentlich zur Wiederentdeckung der barocken Trompetenmusik beigetragen.

Der Traum vom Glanz des Barock wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. 1905 in Eger geboren, erlebte er nicht nur den Ersten und Zweiten Weltkrieg, sondern auch Internierung und Aussiedlung aus der Heimat. Und doch war ihm der Glanz des Barock schon bei der Geburt sehr nahe, teilte er doch das Geburtshaus mit einem anderen großen Sohn der Stadt Eger, keinem geringeren nämlich als Balthasar Neumann, dem Barock-Architekten. (...)

Adolf Scherbaum hat nicht nur die Interpretation der Alten Musik nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend mitgeprägt, sondern er hat zugleich - gewollt oder ungewollt - unser Bild von der Musik des Barock wesentlich mit bestimmt. (...)

Die Besetzung der hohen Trompetenpartien im Oeuvre Bachs und Händels insgesamt bereitete auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch Schwierigkeiten. Auch um 1950 wurden - wie die Neue Musikzeitschrift berichtet - die Trompeten durchaus noch gelegentlich durch Klarinetten ersetzt. (...)

In dieser Phase entdeckte Adolf Scherbaum die Musik Johann Sebastian Bachs neu. In jungen Jahren - 1930 als Solotrompeter in Brünn, dann an der Deutschen Philharmonie in Prag unter Joseph Keilberth, 1940 unter Wilhelm Furtwängler an der Berliner Philharmonie tätig - hatte er nach der Internierung in Prag und der Aussiedlung aus der Tschechoslowakei als Solotrompeter des Hamburgischen Rundfunkorchesters unter Hans Schmidt-Isserstedt einen neuen Wirkungskreis gefunden. In diesen Jahren griff er die Anregung des von ihm verehrten Joseph Keilberth auf und setzte sich mit der Interpretation des 2. Brandenburgischen Konzerts auseinander.
Scherbaum erkannte, dass die Interpretation dieser Trompetenpartie eine Trompetentechnik voraussetzt, die es erst in unermüdlichem Training wieder zu erarbeiten galt. Die Verwendung der hohen B-Trompete, also im Prinzip jenes Instrumententyps, den bereits 1905 der Instrumentenbauer Marian für den belgischen Trompeter Goeyens entwickelt hatte, trug wesentlich dazu bei, dass dieses Konzert Einzug in den Konzertsaal hielt. In mehr als 400 Konzerten, die ihn von Moskau bis Lissabon, von Rom bis New York durch die ganze Welt führten, widerlegte Scherbaum die Legende von der Unspielbarkeit des 2. Brandenburgischen Konzerts.

Der Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg bedeutete für Adolf Scherbaum den Beginn einer neuen Karriere. In einem Alter, in dem andere Trompeter sich von der Solotrompete auf die zweite oder dritte Trompete zurückziehen, begründete er seine eigentliche Karriere. Seine größten Erfolge als Trompeter feierte er - das muss man sich vergegenwärtigen! - zwischen seinem 50. und 60. Geburtstag.

Die Geschichte der Interpretation des 2. Brandenburgischen Konzerts ist nach dem 2. Weltkrieg für längere Zeit eine Geschichte der Interpretation durch Adolf Scherbaum selbst. Nicht weniger als 15 mal spielte er dieses Werk auf Platte ein. (...)

Eine wichtige Veränderung der Aufführungsgeschichte der Werke Johann Sebastian Bachs führte Adolf Scherbaum herbei, indem er die hohe B-Trompete auch für die Ausführung der für die barocke D-Trompete bestimmten Partien verwendete. (...) Damit erhöhte er in entscheidender Weise die Treffsicherheit in den hohen Registern dieser Partien und machte dieses Repertoire einem breiten Kreis von Interpreten zugänglich.

Die festliche Musik des Barock mit ihren hohen Trompetenpartien, mit ihren sprichwörtlichen "Pauken und Trompeten", wurde nun zum Gemeingut des Konzert-Repertoires. Die Aufführung des Weihnachtsoratoriums beispielsweise wurde nun in den 60er-Jahren bis hin in die Kleinstädte in der Originalbesetzung mit den hohen Trompetenpartien verfügbar.

Adolf Scherbaums Bach-Interpretationen weckten nun auch das Interesse an Trompetenmusik anderer Komponisten des Barock. In drei Folgen stellte er in einer eigenen Schallplattenreihe unter dem Titel "Virtuose Trompetenkonzerte" die Musik Alessandro Stradellas, Guiseppe Torellis, Antonio Vivaldis, Philipp Telemanns, Johann Christoph Graupners und Johann Friedrich Faschs - um nur einige Namen zu nennen - vor. Eine eigene Aufnahme war der Blüte der "Trompetenmusik am französischen Hof" (so der Titel der Platte), sowohl der virtuosen Trompetenmusik seiner Heimat, nämlich der böhmischen Trompetenmusik, vorbehalten.
Die Schallplatten "Festliche Musik des Barock" und "Virtuose Trompetenkonzerte II" belegten im Schallplattenspiegel des "Spiegel" von August 1965 an längere Zeit Platz 1 der Bestsellerliste.

Der "Glanz des Barock", wie andere es nannten, hatte Einzug in die deutschen Wohnzimmer und in die Köpfe der Deutschen erhalten. Überall in Europa wurde das festliche musikalische Barock wieder entdeckt. In der Eurovisions-Fanfare, dem Anfang des Prélude zu Marc-Antoine Charpentiers "Te Deum", ist diese Musik ins allgemeine Bewusstsein gedrungen. (...)

Paradoxerweise hat ohne Frage Scherbaums Vorbild nicht nur die von ihm begründete Tradition geprägt, sondern stellt zugleich eine Herausforderung für die Perfektionierung der Interpretation auf den Kopien barocker Instrumente dar. Seine mühelos erscheinende Interpretation dieser Trompetenpartien bildete den Maßstab auch für die Perfektionierung der Spieltechnik auf der ventillosen Barocktrompete. (...)

Die Renaissance der barocken Trompetenmusik ging einher mit einer Reihe bemerkenswerter instrumentenbaulicher Verbesserungen. (...) Insbesondere die Einführung des 4. Ventils schuf für die Ausführung der D-Partien die wünschenswerten Voraussetzungen. Auch Adolf Scherbaum beteiligte sich an den Versuchen zur Verbesserung der B/A-Trompete und entwickelte gemeinsam mit seinem Sohn ein eigenes Trompetenmodell. Geradezu Inbegriff dieser Experimente war das dreiteilige Mundstück, das alle akustisch relevanten Elemente eines Mundstückes frei kombinierbar werden ließ. (...)

Adolf Scherbaum kommt in der Geschichte der Aufführungspraxis und der Wiederentdeckung der Alten Musik nach dem 2. Weltkrieg ohne Frage eine Schlüsselstellung zu. Er war nicht der Erste, die die hohe B-Trompete verwendete, sondern er griff auf ein Instrument zurück, das bereits zu Beginn des Jahrhunderts entwickelt wurde und dann vergessen wurde. Adolf Scherbaum war auch nicht der erste Trompeter, der das 2. Brandenburgische Konzert auf Schallplatte eingespielt hat. Und nicht zuletzt ist das Instrument, das er verwendete, keineswegs das Originalinstrument der Barockzeit.

All das ändert indes an der historischen Bedeutung Adolf Scherbaums für die Geschichte der Interpretation und die Wiederentdeckung der barocken Bläsermusik wenig oder nichts. Denn Adolf Scherbaum führte die Interpretation auf diesem Instrument zu einer bis dahin nicht gekannten Perfektion und trug entscheidend dazu bei, dass die hohe Trompete zum selbstverständlichen Standard der Trompetenausbildung an deutschen Musikhochschulen wurde. Er selbst leitete von 1964 bis zu seiner Emeritierung eine Trompetenklasse an der Hochschule des Saarlandes.

Adolf Scherbaum wurde so populär, dass selbst ein Boulevardblatt, das sonst eher auf Skandale, Mord und Totschlag spezialisiert ist, sich plötzlich für Trompetenmusik interessierte und am 26. August 1962 in der seriöseren Variante der Sonntagsausgabe unter der Überschrift "Die Puste mit 2 atü" einem staunenden Publikum über das Ergebnis neuester medizinischer Untersuchungen zum Phänomen Scherbaum berichtete, nämlich dass er theoretisch die Reifen seines schnellen Wagens selbst aufblasen kann wie andere ihre Luftmatratze. Aber dies war eher der vordergründig spektakuläre Aspekt seiner Kunst.

Adolf Scherbaum trug nicht nur wesentlich zur Einbürgerung des 2. Brandenburgischen Konzerts in das Konzertrepertoire, sondern darüber hinaus zur Wiederentdeckung eines bis dahin unbekannten Repertoires der Barockmusik bei. Scherbaum ließ den musikalischen Glanz des Barock zu einem Massenphänomen werden. Selbst am Repertoire der Beatles ging - wie Penny Lane zeigt - die Kunst der hohen Trompete nicht spurlos vorüber. Und Adolf Scherbaums Entdeckung der barocken Trompetenmusik regte schließlich ... - mit der gebotenen zeitlichen Distance - auch die Musikwissenschaft an, sich mit diesem Phänomen auseinander zu setzen.

Mit der Wiederentdeckung der musikalischen Festkultur des Barock mit ihrem facettenreichen Glanz, die nach dem 2. Weltkrieg unter Adolf Scherbaum zum Durchbruch gelangte und unser Bild von der Musik des Barock wesentlich bereichert hat, ist auch die Wissenschaft zu einem vorläufigen Abschluss gekommen (...)