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Konzert in der Carnegie Hall

Artikel in "Time" 1962

Der "Barockengel"

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere

New Grove Dictionary of Music and Musicians

Echo zum 75. Geburtstag

Scherbaum u. d. Glanz des Barocks

Rundfunksendung

Urteil von Maurice André

Erinnerungen von Ludwig Güttler

Brief von Edward H. Tarr

Brief von Philip Jones

Brief von Timofej Dokschitzer

Gheorghe Musat, Rumänien

Brief von Graham Ashton

Friedel Keim

International Trumpet Guild

Erinnerungen der Berliner Philharmoniker

Nachruf von Matthias Scherbaum

Scherbaum-Schüler Josef Bayer

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Interview auf der Ole J. Utnes Trumpet Page:

(http://abel.hive.no/trumpet/interview/scherbaum/)

Adolf Scherbaum (1909 - 2000)


(deutsche Übersetzung)


Am 2. August 2002 starb der Trompeter Adolf Scherbaum im Alter von 91 Jahren.
Wir hatten ein kurzes Gespräch mit Josef Bayer, einem früheren Schüler von Scherbaum. Bayer hat eine ausgezeichnete Web Site über Scherbaum erstellt, mit dem Titel:
"Adolf Scherbaum - der Wiederentdecker der Barocktrompete".

Josef, was wollten Sie mit diesem Titel ausdrücken?
Der Titel ist vielleicht etwas missverständlich. Ich werde ihn wohl auch bald ändern. Ich meine damit nicht, dass Prof. Scherbaum die Naturtrompete wiederentdeckt hat (er schätzte diese gar nicht so sehr auf Grund ihres Klangs), sondern dass er als erster demonstriert hat, dass alle Trompetenpartien der Barockmusik mit der modernen Trompete spielbar sind.
Scherbaum wurde zum Wegbereiter für die Wiederentdeckung der klassischen Trompete als Soloinstrument auf internationaler Ebene, weit vor Maurice André. Er war zwar nicht der Erste, der die hohe B-Trompete verwendete, sondern er griff auf ein Instrument zurück, das bereits zu Beginn des Jahrhunderts entwickelt und dann vergessen worden war. Er war auch nicht der erste Trompeter, der das 2. Brandenburgische Konzert mit Trompete auf Schallplatte eingespielt hat. Auch das Instrument, das er verwendete, ist keineswegs das Originalinstrument der Barockzeit.
All dies ändert freilich nichts an seiner historischen Bedeutung für die Geschichte der Interpretation und die Wiederentdeckung der barocken Bläsermusik. Denn er führte die Interpretation auf diesem Instrument zu einer bis dahin nicht gekannten Perfektion. Er trug nicht nur wesentlich zur Einbürgerung des 2. Brandenburgischen Konzerts in das Konzertrepertoire bei, sondern darüber hinaus zur Wiederentdeckung eines bis dahin unbekannten Repertoires der Barockmusik. Er ließ den musikalischen Glanz des Barock zu einem Massenphänomen werden. Jahre lang rangierten seine Schallplatten auf den vordersten Rängen der Bestseller-Hitlisten. Überall in Europa wurde in der Folgezeit das festliche musikalische Barock wieder entdeckt.
Scherbaums mühelos erscheinende Interpretation dieser Trompetenpartien bildeten darüber hinaus auch den Maßstab für die Perfektionierung der Spieltechnik auf der ventillosen Barocktrompete.
Scherbaum spielte mit weltberühmten Orchestern (Philharmonic Orchestra London, Amsterdamer Concertgebouw Orkest, Orchester Santa Cecilia Rom, Leipziger Gewandhausorchester ...) in Buenos Aires, in Kairo, New York, Kapstadt, Paris, London, Moskau... unter Dirigenten wie Karajan, Klemperer, Knappertsbusch, Schmidt-Isserstedt u.a.
Der große Maurice André antwortete einmal in einer Fernsehsendung auf die Frage, wer nach ihm der größte Trompeter sei: "Nach mir kommen viele, aber vor mir war Adolf Scherbaum, dem ich das Beste verdanke - an seinem Spiel habe ich mich gebildet." Mir schrieb er: „Adolf Scherbaum war der Vorreiter einer ganzen Generation, insbesondere meiner Jugendzeit“.
Auch für viele andere große Trompeter, wie z.B. Adolph Sylvester ("Bud") Herseth (Chicago Symphony Orchestra) war er ein Vorbild: "... he was the first to really go into the Baroque high trumpet playing in a big way - a very exciting player."

Seine Wurzeln und seine frühe Laufbahn - können Sie diese kurz umreißen?
Scherbaum wurde 1909 in Eger (heute Tschechische Republik) als Sudetendeutscher in einer Amateur-Musikerfamilie geboren. Mit 8 Jahren begann er bereits Trompete zu spielen. 1923–1928 studierte er an der Militärmusikschule in Prag. 1929 vervollkommnete er seine Kenntnisse in Wien bei Prof. Dengler. 1930-39 war er Solotrompeter am Landestheater Brünn (Brno), 1939-41 an der Deutschen Philharmonie in Prag unter Joseph Keilberth, 1941-45 bei den Berliner Philharmonikern (unter Wilhelm Furtwängler und nach Kriegsende unter Sergiu Celibidache). 1945 wurde er in Prag interniert. 1946-51 war er Solotrompeter beim Funk und Professor am Konservatorium in Pressburg. 1951 konnte er endlich aus der Tschechoslowakei mit Hilfe des Roten Kreuzes aussiedeln. Während seines Lageraufenthalts in der Pfalz begann er in den dortigen Weinbergen seine Low-Press-Methode zu erarbeiten.
1951-64 war er 1. Solotrompeter unter Hans Schmidt-Isserstedt beim Hamburger Rundfunkorchester.

Als Mendelssohn J. S. Bach wieder entdeckte, benutze er Klarinetten statt Trompeten. In der Zeit der Romantik war kein Trompeter fähig, Bach zu spielen. Aber so stellte sich die Situation auch dar, als Scherbaum ein junger Trompeter war. Das zweite Brandenburger Konzert wurde aufgenommen mit einem Sopransaxophon für die Trompetenpartien (Casals).
Die Besetzung der hohen Trompetenpartien in den Werken Bachs und Händels bereitete auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch lange Schwierigkeiten. Auch um 1950 wurden die Trompeten oft noch durch Klarinetten ersetzt.
Adolf Scherbaum hatte schon in Brünn (Brno) angefangen, gewöhnliche Trompetenpartien eine Oktave höher zu blasen. Später ermutigte ihn Joseph Keilberth: „Wenn jemand Bach auf der Trompete spielen kann, dann bist du es!“

Josef, erzählen Sie uns etwas über die "Entdeckung" Bachs.
Scherbaum erkannte, dass die Interpretation der Trompetenpartien Bachs eine Trompetentechnik voraussetzte, die es erst in unermüdlichem Training wieder zu erarbeiten galt.
Er verwendete die hohe B-Trompete auch für die Ausführung der für die barocke D-Trompete bestimmten Partien.
Die Geschichte der Interpretation des 2. Brandenburgischen Konzerts ist nach dem 2. Weltkrieg für längere Zeit eine Geschichte der Interpretation durch Adolf Scherbaum selbst.
In mehr als 400 Konzerten, die ihn von Moskau bis Lissabon, von Rom bis New York durch die ganze Welt führten, widerlegte er die Legende von der Unspielbarkeit des 2. Brandenburgischen Konzerts und spielte es 15 mal auf Platte ein. Jahre lang war er der einzige Trompeter der Welt, der dieses Konzert live spielen konnte.
Otto Klemperer holte ihn über Nacht nach London, um das Konzert aufzunehmen, das seinem eigenen Trompeter nicht gelingen wollte. Bei den Ansbacher Bachwochen kam es 1955 zu einer außergewöhnlichen Konstellation: Richter, Scherbaum, Menuhin, Nicolet.
Daneben nahm Scherbaum auch das übrige Werk Bachs auf: H-moll-Messe, Weihnachtsoratorium, Magnifikat, Orchester-Suiten, Ouvertüren, Kantaten.

Bei Maurice Andrés Aufnahme des Konzerts von Michael Haydn im Jahre 1966 kann man hören, dass er mit den höchsten Noten zu kämpfen hatte. Aber Scherbaum spielte dieses Konzert in der Öffentlichkeit. Was glauben Sie, was war das Geheimnis hinter seiner Fähigkeit, die ganz hohen Passagen zu meistern?
Lange Zeit war Scherbaum der einzige, der Michael Haydns Konzert live aufzuführen wagte. Durch rigoroses Training entwickelte er außergewöhnlich große Zwerchfell-, Bauch- und Wangenmuskelkraft (2,4 bar wurden in der Universität Basel gemessen!), so dass er ohne große Mühe c’’’’ spielen konnte (ich hörte von ihm sogar einmal a’’’’!). Schmidt-Isserstedt nannte ihn deshalb auch "Scherstrong". Bei all dem setzte Scherbaum auf die Low-Press-Methode (Blasen mit minimalem Druck) und vermittelte sie auch seinen Schülern.

Der Lehrer - wie war er als Lehrer?
Er war einerseits sehr menschlich und väterlich, aber er konnte auch hart und kompromisslos sein, wenn es um musikalische Aspekte ging.
Er war immer sehr dynamisch und humorvoll und verstand es, seine Schüler zu motivieren und mitzureißen.
Seine Übungen beinhalteten oft: Tonleitern spielen ohne Mundstück, nur mit Lippenkraft oder allein mit Mundstück (Ober- oder auch Unterlippe über dem Rand des Mundstücks) – was gar nicht faszinierend erschien, aber immense Sicherheit im oberen Register vermittelte. Er ließ seine Schüler beim Üben auf einem Mundstück mit tieferem Kessel blasen. Wenn sie dann später einen flacheren Kessel verwendeten, erreichten sie spielend eine größere Höhe.
Um das druckarme Spiel zu erreichen, verlangte er von seinen Schülern, dass sie die Trompete nur leicht auf 3 Fingern hielten oder auf eine Glasplatte legten. Der geringste Lippendruck hätte die Trompete wegrutschen lassen.

Seine Person - wie würden Sie seine Person beschreiben?
In erster Linie war er ein Vollblutmusiker, darüber hinaus aber auch ein glänzender Unterhalter, der seine Umwelt durch seinen Witz und seinen Esprit faszinieren konnte - oft bis in die Morgenstunden. Früh am Morgen war er dann meist fitter als alle anderen (siehe E. Tarr auf der Scherbaum-WebSite, der seine Unkompliziertheit, Offenheit, seinen Zugang zu den Mitmenschen und sein Charisma auf dem Podium rühmt oder T. Dokschitzer, der seinen brillanten Humor hervorhebt; so auch Philip Jones)
Er war ein Mensch ohne alle Starallüren, der trotz seiner Berühmtheit einfach und bescheiden geblieben war.
Seine Zuhörer konnte er mit unzähligen Storys fesseln: z.B. wie er zum Trompetenspiel kam (live zu hören auf der WebSite unter unter: Aufnahmen/Hörbeispiele) oder wie ihn Klemperer mitten in der Nacht aus London anrief oder wie er in der Tschechoslowakei bei einer Alkohol-Kontrolle der Polizei die Tüte aufblies und fast zum Platzen brachte... Auch Kinder verstand er zu beeindrucken – durch seine warme und frohe Art und durch seine Zaubertricks.

Seine Aufnahmen... Wenn jemand Scherbaum hören möchte, welche Aufnahmen würden Sie empfehlen? Gibt es irgend welche CDs?
Am Faszinierendsten ist vielleicht noch immer der atemberaubende Mitschnitt des 2. Brandenburger Konzerts in St. Petersburg. Leider gibt es davon keine Schallplatte. Sie können aber einen ganz kleinen Ausschnitt hören auf der Scherbaum-WebSite unter: Aufnahmen/Hörbeispiele.

Ich kenne zumindest folgende CDs:

Herbert v. Karajan, Brandenburg. Konzerte Nr. 2 - 3 – 5 (mit den Berliner Philharmonikern) DG 423 202-2 (1965)

J.S. Bach, Brandenburg. Konzerte Nr. 2 ,3, 4 (Baumgartner, Festival Strings Lucerne) DG 427 193-2

Otto Klemperer - The Maestro: J.S. Bach, Brandenburg Concerto no. 2. Philharmonia Orchestra, Aufnahme: 18-19 Jan 1960, Abbey Road. Digital Remastering 1989. EMI BX 703092

J.S. Bach, Brandenburg Concertos Nos 1, 2 & 3. Hermann Schechen. Vienna State Opera Orchestra 1959. MCD 80075 (Millenium Classics 2000)

Festliche Trompetenklänge (Charpentier, Torelli, Mozart; außerdem André) CDG 427 020-2

Virtuose Trompetenkonzerte (Scherbaum: Stradella, Graupner, Fasch, Mozart; außerdem André und Thibaud) DG 431 331-2

Trompetenkonzerte (Scherbaum, André, Thibaud) DG 445043-2

Festliches Schlosskonzert (u.a. Brandenburg. Konzert Nr.2) DG 429 071-2

Französische Barockmusik (Lully, Philidor, Mouret, Charpentier, de Lalande) DG 453 169-2

Golden Classics - Festl. Barock (u.a. Charpentier, Te Deum) DG 453 393-2

Galakonzert in Venedig (Vivaldi, RV 537 u. a.) DG 427 022-2

Karajan-Edition - 100 Meisterwerke (2. Brandenburg. Konzert) 423 555-2 (1999)

J.S. Bach, Messe in h-moll. Karl Richter; Münchener Bach-Chor, Münchener Bach-Orchester. Polydor 1962, CD: 427 155-2

Danke für das Gespräch, Josef!
Wenn jemand mehr über Adolf Scherbaum erfahren möchte, sollte er Ihre WebSite besuchen: www.josef-bayer.de/scherb

o.j. 2000