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Konzert in der Carnegie Hall

Artikel in "Time" 1962

Der "Barockengel"

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere

New Grove Dictionary of Music and Musicians

Echo zum 75. Geburtstag

Scherbaum u. d. Glanz des Barocks

Rundfunksendung

Urteil von Maurice André

Erinnerungen von Ludwig Güttler

Brief von Edward H. Tarr

Brief von Philip Jones

Brief von Timofej Dokschitzer

Gheorghe Musat, Rumänien

Brief von Graham Ashton

Friedel Keim

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Erinnerungen der Berliner Philharmoniker

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BR 2 (Studio Franken) 19.9.1999

Dem Trompeter Adolf Scherbaum zum 90. Geburtstag
Dr. Wolfgang Graetschel
(Direktor a.D. Meistersinger-Konservatorium Nürnberg)

Wir denken ein halbes Jahrhundert zurück, liebe Hörer, zurück an die Jahre, in denen man das vom Nazikrieg verwüstete Land, das unsere wie das unserer Nachbarn, mit unwahrscheinlichem Eifer wieder aufbaute, dann leuchtet in unseren Köpfen sofort ein Kennwort auf: Wirtschaftswunder! Das Wort kennen wir alle - aber ein anderes, das ebenfalls und genauso berechtigt den gewaltigen Neubeginn jener Periode markieren könnte, das ist niemals geprägt worden: Das Kulturwunder! Denn neben Volkswagen-Käfer- und Capri-Fischer-Träumen gab es einen Schwall an faszinierenden Neuentdeckungen in den Bereichen der Kunst, in den Theatern, im Buchwesen mit Hilfe der neugeschaffenen Paperbacks, in den Kinos, im Radio und in den Musiksälen: die Kunst, die Kultur aller Länder stellten sich vor. Es war wie ein Rausch!
Und im Reich der Musik? Drei besonders wichtige Erfahrungsfelder hatten die Hörer in den 50er Jahren aufzunehmen. Es war die Welt des Jazz, sodann das internationale Repertoire der neuen Musik der 30er und 40er Jahre, die von den braunen Schergen als "entartete Musik" verlernt worden war, und schließlich die Wiederentdeckung der historischen Instrumente, vor allem in Verbindung mit der Barockmusik, von der eine überraschende Fülle unbekannter Stücke aus den Bibliotheken und Archiven ausgegraben wurde.

In diesem Reichtum an Alt- und Neuentdeckungen, in einem schier unüberschaubaren Panorama an unbekannten Stücken und Werkgruppen, an neu auftretenden Ensembles und Interpreten kam damals Anfang der 50er Jahre ein Bläser ins Gespräch, ein Trompeter, der für sein Instrument Neuland erschloss. Es war Adolf Scherbaum...

Adolf Scherbaum ist, wie viele Menschen im Herzen Europas, ein Spross zweier Kulturen. In Eger geboren, spielt er schon als kleiner Schulbub mit Vater und Bruder auf seiner Trompete zur Kirchweih, bekommt dann Unterricht von einem Musiker im Kurorchester in Franzensbad. Nach Ende des 1. Weltkriegs wird aus dem kaiserlich-königlich-österreichischen Egerländer, wie alle seine Landsleute ein tschechischer Staatsbürger und er spricht lebenslang tschechisch so gut wie seine Muttersprache.

Er ist 14 - einem tschechischen Postbeamten fällt die musikalische Begabung des Jungen auf und er bewirkt seine Aufnahme in die Militärmusikschule in Prag. Eiserner Drill dann in Beroun, soldatische und musikalische Ausbildung bei schwarzem Kaffee und Brot, wie er erzählt. Ein paar Groschen nebenher verdient er in Zivil als Kino-Musiker. Mit 21, nach einem kurzen Aufbaustudium in Wien, bekommt er sein erstes Engagement als 1. Trompeter im Landestheater in Brünn. Dort bleibt er neun Jahre, erlebt nun die deutsche Besatzung, wird 1939 berufen in die Deutsche Philharmonie in Prag, die Josef Keilberth aus dem Orchester des weltberühmten Deutschen Theaters gebildet hatte.

Und wieder Krieg. 1940 - Adolf Scherbaum ist nun 31. Bei einem Notfall erbittet Wilhelm Furtwängler, der legendäre Chef der Berliner Philharmoniker, von Prag eine Aushilfe. Keilberth schickt Scherbaum, der aber versprechen muss, nach Prag zurückzukommen. Das will Scherbaum auch tun, aber höchster Befehl zwingt ihn, in Berlin zu bleiben, fern von seiner Frau, die er in der Tschechei geheiratet hat, und fern von seinem kleinen Sohn. In Berlin, in einem berüchtigten Flakbunker im Herzen der Stadt, erlebt er die Apokalypse, bleibt, weil politisch unbelastet, im Kader der Berliner Philharmoniker, nun unter der Leitung des jungen Rumänen Sergiu Celibidache. Doch im Juli 1945 will er seine Familie suchen, setzt sich aufs Fahrrad und radelt - in den Wirren der Zeit ein wahnwitziges Unterfangen! - nach Prag...

In Prag nun kommt es wie zu erwarten: Verhaftung als Deutscher, Internierung. Doch ein "deus ex machina" - Scherbaum hat niemals erfahren, wer es war - bewirkt die Freilassung. Und wieder ein Gestellungsbefehl: Dienst als Solotrompeter beim Rundfunk in Preßburg, doch bald auch eine Professur im dortigen Konservatorium - übrigens die erste und für lange Zeit einzige Professur für einen Deutschen in der befreiten Tschechoslowakei.

Dann kommt der Staatsstreich der Kommunisten, die allgemeine Lage wird immer bedrückender. 1951 gelingt Scherbaum mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes die Übersiedlung nach Westdeutschland, er lebt mit seiner Familie im Lager in Neustadt an der Weinstraße. Ein Winzer gestattet ihm, im Weingarten oder in einer Remise zu üben. Und das wird nun, wie Scherbaum berichtet, die entscheidende Zeit für seine künftige Solistenkarriere. Josef Keilberth hatte ihm in Prag eingebläut: "Du musst um die extrem hohen Töne im 2. Brandenburgischen Konzert kämpfen, und was noch keiner bisher kann: Du schaffst es!" Und nun gelang es, dort auf den Weingärten der Pfalz. Er experimentiert mit den verschiedensten Blastechniken, bis er die Lösung findet, bis er als Erster mit seiner Trompete jene schwindelhaften Tonhöhen erreicht, die in vielen Werken des Barock gefordert sind, und mit denen er dann bei seinen Hörern Stürme der Begeisterung entfacht...

Nach einem Jahr Lagerdasein in der Pfalz erreicht Scherbaum ein Ruf aus Hamburg. Hans Schmidt-Isserstedt, Chef des Sinfonieorchesters des Norddeutschen Rundfunks, verpflichtet ihn als 1. Solotrompeter, und gleich nach diesem Neubeginn startet seine Karriere als gesuchter und gefeierter Solist. Er tritt auf in allen gängigen Trompetenkonzerten der Klassik und des Barock; er sucht und findet und spielt vor allem in Bibliotheken schlafende Stücke der Barockliteratur. Insbesonders für dieses Repertoire gründet er 1961 ein eigenes Barockensemble, geht mit ihm auf Tourneen fast rund um den Globus, und überall wird er gefeiert, nicht nur als Virtuose, sondern auch als nobler, einfühlsamer Ensemblepartner...

Adolf Scherbaum wird Mitte der 50er Jahre einer der bekanntesten und beliebtesten Soli­sten auf den internationalen Konzertpodien. Und sein Top-Hit, wie man heutzutage sagt, war das 2. Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach. Seine 2. Ehefrau - sie ist Ärztin, heiratete ihn als Witwer und lebt mit ihm in Heilsbronn in Mittelfranken - gab uns seine Noten für dieses Stück. Auf der Rückseite des Notenblattes hat er eine Chronik seiner Aufführungen im Ausland geschrieben. 1956 waren es 5, 1957 dann 8, 1959 schon 16, 1960 dann 17, und etwa bei dieser Zahl blieb es bis zum Ende der 60er Jahre. Und in der Liste der Ortsnamen: Paris, Amsterdam, Brüssel, Basel, Zürich, Edinburgh, mehrmals New York, mehrmals Moskau usw. Und auch Leningrad. Dort spielte Adolf Scherbaum im Mai 1961 im ersten Konzert eines westdeutschen Orchesters in der UdSSR nach dem Krieg mit dem Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks - natürlich das 2. Brandenburgische.

Überall wurde Scherbaum als der bekannteste Trompeter jener Jahre umjubelt. Und den Freunden seiner Kunst dankte er mit unermüdlichem Eifer, mit einer Fülle von Konzerten und Plattenaufnahmen. Er war ein besessener Autofahrer, und bei den Musikern jener Orchester, in denen man auf ihn als Solisten vor Proben und Konzerten wartete, schmunzelte man immer: "Jetzt kommt der Scherbaum wieder mit seinem Super-Citroen angedüst." Frau Scherbaum hat uns ein Dokument seines Eifers anvertraut: eine Plattenhülle vom französischen "Club National du Disque" mit - wie könnte es anders sein - dem 2. Brandenburgischen. Und auf die Hülle schrieb er: "1956 - Am Tage vor dieser Aufnahme 2. Brand. Kzt. in Paris öffentlich, und vor dieser Aufnahme habe ich das Telemannkonzert aufgenommen, anschließend zum Flughafen und Nachmittag in Nürnberg h-moll-Messe." Ein Apercu aus den Tagen eines Künstlers mit einer einmaligen Kondition und Vitalität...

Der Egerländer war immer ein freundlicher Kollege, immer heiter, bei allem Temperament doch niemals arrogant. Und wenn man ihn traf, in der Kantine - oder im Bistro der Saarbrückener Musikhochschule, die ihm 1964 eine Professur gab -, dann war er immer aufgeräumt und redselig: ein richtig guter Kumpel. Kein Wunder, dass er gern unterrichtete, an der Hochschule, und auch, nachdem seine Solistenkarriere etwas stiller wurde, an der Musikschule in Sulzbach-Rosenberg, in der man ihn beinahe vergötterte. Diese Stadt hat ihm, dem viele offizielle Ehrungen und Preise zugedacht waren, zum 70. Geburtstag ihren Kulturpreis verliehen. Zum Festakt gab es als Umrahmung ein Konzert, und na klar: Der Jubilar spielte mit!

Und da wir nun auch einen Moment etwas persönlicher und intimer sein dürfen: Auf die Plattenhülle aus Paris, von der eben wir zitierten, hat Adolf Scherbaum geschrieben: "Heute, den 8.1.82, habe ich mit meiner allerliebsten Frau Elfi das 1. Mal die Platte gehört".

Vor einigen Tagen hatte Adolf Scherbaum nun seinen 90. Geburtstag. Der Kreis der Familie war ihm zu Ehren zusammengekommen, und Viele, Viele sandten Grüße, darunter etliche seiner ehemaligen Schüler und Studenten. Und obwohl ihm nicht mehr vergönnt ist, die vielerlei Zuwendung noch zu registrieren, war er wohl recht froh an jenem Tag...