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Konzert in der Carnegie Hall

Artikel in "Time" 1962

Der "Barockengel"

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere

New Grove Dictionary of Music and Musicians

Echo zum 75. Geburtstag

Scherbaum u. d. Glanz des Barocks

Rundfunksendung

Urteil von Maurice André

Erinnerungen von Ludwig Güttler

Brief von Edward H. Tarr

Brief von Philip Jones

Brief von Timofej Dokschitzer

Gheorghe Musat, Rumänien

Brief von Graham Ashton

Friedel Keim

International Trumpet Guild

Erinnerungen der Berliner Philharmoniker

Nachruf von Matthias Scherbaum

Scherbaum-Schüler Josef Bayer

Scherbaum-Schüler Josef Kneißl

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Rede von Matthias Scherbaum bei der Beerdigung seines Vaters:

So groß die Trauer und der Schmerz, so groß ist doch auch der Dank, ein letztes Mal mit Worten den Mann ehren zu können, den mir der Tod als Vater vor wenigen Tagen genommen hat.

In der Gänze unerwartet war es sicher nicht - lange schon war seine volle Gesundheit angegriffen, und hatte Gott gewollt, so wäre er noch in diesem Monat in sein 92. Lebensjahr getreten; doch wenn die Stunde kommt, so ist es dennoch plötzlich, überraschend, jäh.

Wir nehmen heute Abend Abschied von meinem Vater Adolf Scherbaum. Unter ärmlichen Verhältnissen zu Beginn des letzten Jahrhunderts im Jahre 1909 in Eger geboren, wuchs er als das zweite von insgesamt vier Kindern auf. Nach der harten, aber gottlob heil überstandenen Zeit des ersten Weltkrieges, kam er im Alter von 14 Jahren in die Militärmusikschule nach Prag. Dort sollte seine schon früh sich gezeigt habende musikalische Begabung - namentlich für das Trompetenspiel - gefördert und geschult werden. 1929 erhielt er sein erstes festes Engagement als Solotrompeter am Landestheater in Brünn, zehn Jahre später beruft ihn die deutsche Philharmonie Prag unter der Leitung des hochgeschätzten Joseph Keilberth zu sich. Es war eine fast aufgezwungene Verfügung von oberster staatlicher Instanz, die meinem Vater die ausnehmende Ehre zuteil werden ließ, im Jahre 1940 an das damalig renommierteste und erste deutsche Orchester versetzt zu werden: er kommt zu den Berliner Philharmonikern unter dem weltberühmten Wilhelm Furtwängler, wiederum als Solotrompeter.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, glücklich am Leben geblieben, doch ohne Anstellung, beschließt er zu seiner in Prag verbliebenen und noch dort lebenden Familie, zu seiner damaligen ersten Frau und ihrem gemeinsamen kleinen Sohn, zurückzukehren. Er fährt in den unmittelbaren Nachkriegswirren von Berlin mit dem Fahrrad zu seiner geliebten Familie. In Prag nach langer und gefährlicher Reise angekommen, erleidet er dort als Deutscher das grausame Schicksal der Internierung. Den täglichen und schweren körperlichen Misshandlungen konnte er letztendlich entkommen, da er auf Grund des selbstlosen und bewundernswert mutigen Einsatzes eines tschechischen Fürsprechers und Bittstellers nach ein paar Wochen entlassen wurde. Wem mein Vater damals sein Leben verdankte, wurde nie bekannt.

Die Familie zieht nach Preßburg, wo er am Funk die Stelle des Solotrompeters bekleidet und nach kurzer Zeit am örtlichen Konservatorium zum Professor ernannt wird. In den folgenden Jahren übersiedelt er mit seinen Angehörigen aus der Tschechoslowakei nach Hamburg. Er erhält am Rundfunkorchester die Stelle des ersten Solotrompeters unter dem Dirigenten Hans Schmidt-Isserstedt.

Hamburg wird für meinen Vater diejenige Stadt, von welcher aus sein rasanter wie kometenhafter Aufstieg als Barock- und v.a. als Bachtrompeter und sein daraus resultierender nachmaliger Weltruhm beginnen sollte. Erst seit der Epoche der späteren Romantik widmete man sich wieder mit aufmerksamen Ernst dem Werk Johann Sebastian Bachs. Jedoch wurde in vielen seiner Konzerte, bedingt durch den teilweise enormen technischen und spielerischen Schwierigkeitsgrad, statt der Trompete als vorgesehenem Instrument in der Regel die Klarinette für die entsprechenden Partien eingesetzt. Es ist der große und bleibende Verdienst meines Vaters, durch die Erfindung einer bis dahin völlig neuartigen Spieltechnik, durch unermüdlichen Fleiß, strenges Üben und hartes Studium, sowie durch eine Anzahl verschiedener Neukonstruktionen der Trompete, dieses Instrument und sich selbst als Interpreten in den Stand versetzt zu haben, diese höchst schwierigen Passagen übernehmen und somit zu einer authentischen Aufführungspraxis bestimmter Kompositionen Bachs zurückkehren zu können.

Sein ganzer, zweifellos berechtigter Stolz jedoch lag darin, das erste Mal seit Bachs Zeiten das 2. Brandenburgische Konzert wieder in der Originalbesetzung aufgeführt zu haben. Etliche Jahre hinweg war er weltweit der einzige Interpret, der in der Lage gewesen war, dieses vielleicht schwierigste und anspruchvollste Konzert der Trompetenliteratur spielen zu können. Alleine über 15 verschiedene Schallplattenaufnahmen dieser Komposition Johann Sebastian Bachs - abgesehen von den zahlreichen weiteren Einspielungen anderer Werke und Komponisten - zeugen von dieser großen musikalischen Leistung Schallplattenaufnahmen und Konzerte unter den berühmtesten Dirigenten - so etwa Otto Klemperer und Herbert Karajan - und zusammen mit den berühmtesten Solisten - beispielsweise Yehudi Menuhin und David Oistrach,

Seine aufsehenerregenden musikalischen Darbietungen erschließen ihm - zusammen mit seinem 1961 gegründeten Barockensemble Tourneen in fast alle Erdteile, teilweise sehr tiefgehende Freundschaften mit zeitgenössischen Größen - erwähnt seien hierbei lediglich Jean Cocteau und Pablo Casals -, sowie eine Reihe von zum Teil bedeutenden Auszeichnungen und Ehrungen: So erhalt er im Jahre 1964 den Ruf zum Professor der staatlichen Hochschule für Musik in Saarbrücken, 1965 wird ihm der Edison-Preis verliehen, 1968 der Nordgaupreis der Stadt Amberg und anlässlich seines 70. Geburtstages im Jahre 1979 die hochdotierte Albert-Schweitzer-Friedensmedaille - eine Auszeichnung, welche ihn mit anderen Trägern wie Pablo Casals, Martin Niemöller und Pablo Picasso in eine Reihe höchster Kulturträger stellt. Doch auch seine diverser bis dahin unbekannter Trompetenliteratur in alten Klosterbibliotheken haben ihn um die Musik nicht unwesentlich verdient gemacht.

Als er ebenfalls 1979 den Kulturpreis der Stadt Sulzbach-Rosenberg in Empfang nehmen darf, markiert dies die letzte Station seines didaktischen Wirkens: Er gab bereits 1977 seine Stellung und Professur an der Saarbrücker Hochschule für Musik auf, um an der Städtischen Sing- und Musikschule Sulzbach-Rosenberg in erster Linie die Jugend unterrichten zu können. Seinen eigenen Äußerungen zur Folge, war dieses Amt, welches er bis in das Jahr 1986 mit großer Freude ausübte, vielleicht sein liebgewonnenstes. Lernbegierige Schüler, einige aufrichtige und sehr persönliche Freundschaften, die bis auf den heutigen Tage andauern, sowie eine Mentalität der Bevölkerung, als auch eine Atmosphäre, welche ihn so sehr an seine verlorene Heimat erinnerten, ließen den etwa zehnjährigen Aufenthalt meines Vaters in dieser Stadt zu einem unvergessenen und wertvollen Abschnitt seines Lebens werden.

Mit meinem Vater Adolf Scherbaum wird heute keine unbedeutende Person zu Grabe getragen, eine weltweite anerkannte, geschätzte. und gefeierte musikalische Größe, dem es leider nicht beschert gewesen war, die letzten Jahre seines Lebens im Kreise seiner zweiten Familie verbringen zu dürfen und in ungetrübter Vitalitat auf sein erfülltes Leben zurückblicken zu können. Eine große und starke Persönlichkeit war dieser Mann, großherzig und reich in seinem Geben, kompromisslos und hart in seinem Anspruch, mild und seelenvoll in seiner Menschlichkeit, weich und warm in seinem Herzen, tosend und unberechenbar in seinem Zorn, versöhnlich und rührend mit seiner Liebe.

Der Tod hat dieses Leben beendet, das so vielen Menschen mit seiner Musik Momente großer Freude bereitet, mit seiner warmen Menschlichkeit Mut, Hoffnung und Hilfe, mit seiner Stärke Sicherheit und Trost gegeben hat.

Wir trauern sehr um unseren Ehegatten und Vater, diesen großen Mann, dessen Tod für uns einen tiefen und schweren Einschnitt bedeutet; wir danken Gott, dass er ihm ein langes und qualvolles Leiden erspart und ihm einen sanften, friedlichen und gnädigen Tod geschenkt hat; wir danken meinem Vater für sein großes geistiges Vermächtnis, sowie sein würdiges Andenken und hoffen ihn in der Güte und Gnade Gottes.