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Artikel in "Time" 1962

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Prof. Ludwig Güttler schrieb mir am 2.4.2009:


Meine Begegnungen mit Adolf Scherbaum


Am Dreikönigstag des Jahres 1958 hörte ich – ich meine, es war der Bayrische Rundfunk, den man im Erzgebirge sehr gut empfangen konnte – den zweiten Teil des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach mit der triumphalen VI. Kantate und deren virtuosem Abschluss, die Trompete betreffend. Mir lief ein Schauer über den Rücken und in dem Augenblick wusste ich, dass ich Trompete spielen möchte. Der bei der Ansage im Rundfunk genannte Trompetensolist war Adolf Scherbaum. Am nächsten Tag suchte ich einen Lehrer auf, lieh mir ein Instrument und begann so meine zielstrebige Ausbildung zum Trompeter.

Die Möglichkeit mehr von ihm zu hören, ergab sich während meines Studiums in Leipzig nach 1961, wo ich Musiker des Gewandhausorchesters traf, die mir von Adolf Scherbaum erzählten, von Gastspielen, die er mit dem Gewandhausorchester absolviert hatte und auch von der besonderen landsmannschaftlichen Verbindung des vormaligen Gewandhaus-Kapellmeisters Franz Konwitschny, der - in Mähren geboren - zum aus Karlsbad stammenden Adolf Scherbaum und auch zu anderen aus Böhmen gebürtigen Musikern des Gewandhausorchester ein besonderes Verhältnis hatte.

Viele, viele Jahre später war ich als Solotrompeter von der Staatskapelle Dresden zu einem Gastspiel zu den Salzburger Festspielen verpflichtet worden. Dort sah ich ein Plakat auf dem ich entdeckte, dass er mit Leopold Hager zusammen ein Konzert in der Kirche auf dem Nonnberg gab, just an dem Abend, an dem wir dienstfrei hatten. Ich ging in das Konzert und sprach ihn nach dem Konzert an. In seiner offenen, sehr humorvollen Art vereinbarte er mit mir, dass wir uns in den nächsten Tagen treffen und miteinander ein bisschen „quatschen“.
Ich fragte ihn, in welchem Hotel er wohl wäre, und da berichtete er mir gleich bereitwillig, dass er hier stets bei einer Bauernfamilie übernachten würde, die er schon seit dem 1. Weltkrieg kenne und der er zu Dank verpflichtet sei, denn als heranwachsender Bub war er in der Zeit des 1. Weltkrieges dort untergebracht und dieser Familie in herzlicher Zuneigung und Dankbarkeit verbunden.
Er fasste Zutrauen zu mir und erzählte mir von seinem Lehrer Levora in Wien, von Karlsbad, von der dortigen Kapelle, wie sie besetzt war, was man gespielt hat. Dies war mir alles sehr nahe, denn meine Herkunftsfamilie hatte vor dem 2. Weltkrieg starke Beziehungen nach Karlsbad, auch einige unserer Verlobungen und Hochzeiten fanden in Karlsbad statt. Er erzählte in seiner gewinnenden, immer mit Schwänken durchsetzten Art über seine Kindheit, über sein Engagement bei den Berliner Philharmonikern, über sein erstes Konzert mit der „Siebten“ von Beethoven mit Furtwängler und sagte, dass er nach dem Auftaktgebahren von Furtwängler nicht in der Lage war, den ersten Ton zu platzieren und ihn deshalb sicherheitshalber weggelassen habe.
Er erzählte von den Kriegswirren, vom Ende des 2. Weltkrieges und seiner Reise per Fahrrad von Berlin nach Prag, wo ihm dieses Fahrrad von einem Besatzungssoldaten bereits in der Nähe von Potsdam wieder abgenommen worden war. Aber er rannte dem Soldaten hinterher und als er sah, dass dieser Soldat es an das Haus lehnte, in dem die Kommandantur einquartiert war, ging er schnurstracks auf dieses Fahrrad zu, nahm es wieder an sich und fuhr weiter Richtung Prag. Diese Reise ist ihm nicht zum Besten ausgeschlagen, denn letztlich wurde er als Deutscher in Tschechien verhaftet und kam erst Anfang der 50ger Jahre mit einem tschechischen Ensemble zu einem Gastspiel in die Bundesrepublik Deutschland. Er hatte wieder Trompete gespielt, nachdem er eine Zeit im Bergwerk arbeiten musste.

Er machte mich aufmerksam, dass ich mich sehr in Acht nehmen solle, wem ich von meinen Erfolgen etwas erzähle, denn er hatte die Erfahrung gemacht, dass solche Erzählungen überwiegend nicht mit Wohlwollen, sondern mit Neid aufgenommen wurden. Als er das sagte, bemerkte ich einen Anflug von Traurigkeit bei ihm. Das war deshalb auffällig, weil er sonst immer der frohgemute, ja fast überschießend fröhliche, humorvolle Adolf Scherbaum war. Das Gespräch mit ihm hat mich sehr berührt. Und erst Jahre später wurde es mir bewusst, dass das Gespräch eigentlich gar nicht den Verlauf genommen hatte, von dem ich gehofft und gewünscht hatte, dass es ihn nehmen würde, nämlich dass wir über die Bläserei, über Trompeten, Mundstücke und Ähnliches sprechen würden, sondern dass wir uns quasi familiär viel erzählten. Er fragte mich nach meiner Kindheit und meinem Werdegang und es war leicht, ihm ohne Rückhalt alles zu schildern, weil diese Ebene durch sein Zugewandtsein eröffnet war.

Wenige Jahre später spielten wir mit der Dresdner Philharmonie Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in der Meistersingerhalle in Nürnberg, und in einer der vorderen Reihen kam mir ein Gesicht so bekannt vor. Als mein Blick ihn, der mit den Augen suchend durch das Orchester glitt, fixiert hatte, winkte er mir zu, und da wusste ich, dass es Scherbaum war. Nach dem Konzert kam er in die Garderobe gestürmt und lud mich und die Trompetenkollegen ein zu sich nach Heilsbronn. Ich erinnere mich, dass wir in einen großen Wagen stiegen, dass es ziemlich glatt auf der Straße war und er rasant von Nürnberg nach Heilsbronn fuhr, immer übersprühend vor guter Laune. Wir lernten dann seine Frau kennen. Bei ihm zu Gast war ein Kollege, den er als solchen vorstellte. Es war einer der Brüder Köckert, der Cellist aus dem berühmten Köckert-Quartett, die ehemals aus Prag kommend ihm sehr verbunden waren und deren Version der Nationalhymne oft im Deutschlandfunk um Mitternacht erklang. Ich erinnere mich noch an diesen typischen, warmen, etwas abgedunkelten Geigenton und Gesamtklang des Köckert-Quartetts und freute mich über diese Begegnung.
Adolf Scherbaum erzählte und das Bedürfnis sich mitzuteilen erschien mir noch ausgeprägter als bei meinem Gespräch mit ihm in Salzburg. Er trug mir Grüße auf an Musikerkollegen aus Leipzig, die ich alle überbracht habe. Später blieben meine Grußkarten und Bemühungen dann ohne Antwort.

Neben dem von mir hochverehrten Trompetenvirtuosen Adolf Scherbaum hat sich in mein Herz der humorvolle Musikant Adolf Scherbaum eingenistet und ist seitdem von diesem Platz auch nicht mehr vertrieben worden. Ich werde ihn stets in Erinnerung behalten, seinen unkomplizierten und direkten, zutiefst menschlichen Zugang.
Darüber wollte ich hier berichten.

Prof. Ludwig Güttler
Dresden, den 2. April 2009