Der Spiegel - 4.11.1964

Blech für Bach

Jean Cocteau küßte ihm bewundernd die Wangen, Herbert von Karajan schrieb ihm seine Verehrung aufs Notenblatt. Und der berühmte Londoner Philharmoniker Otto Klemperer holte ihn des Nachts aus dem Bett. Denn Adolf Scherbaum ist ein wahrhaft weltweites Unikum: Wo immer die Solo-Trompete im Zweiten Brandenburgischen Konzert so erklingen soll, wie Meister Johann Sebastian Bach es sich wünschte - und nicht etwa stilwidrig von Klarinetten und Saxophonen geblasen -, wird der Welt "bester klassischer Trompeter" (so das Nachrichtenmagazin "Time") angefordert.
Ob in New York oder Hitzacker, in Ansbach oder Athen, in Kapstadt oder Rio - nur er allein kann die fast unspielbaren Brandenburger Trompeten-Skalen blasen.
So blies sich der Bach-Bläser, der schon in Wilhelm Furtwänglers Berliner Philharmonie diente und seit 1951 dem Symphonie-Orchester des Norddeutschen Rundfunks angehört, in den letzten zehn Jahren mit seinen einzigartigen Hochtönen zum bestverdienenden Trompeten-Star klassischer Musik hoch.
Scherbaum, 1909 in Eger geboren, 1,55 Meter groß, ist mittlerweile so begehrt, daß er Konzertangebote ablehnen darf.

Vor einem Jahr in Nürnberg mußte ihn ein Streifenwagen der Polizei mit Blaulicht und Martinshorn vom Flugplatz zur Tonhalle transportieren - das Konzert war schon im Gange. Zwei Stunden zuvor hatte der Virtuose noch in Paris für eine der 16 Grammophon-Firmen, die er bedient, Schallplatten beblasen.
Im Ausland läßt sich der prominente Blechmusikant vornehmlich von seinem eigenen "Barock-Ensemble Adolf Scherbaum" begleiten, mit dem er in Kürze nach einem Skandinavien-Gastspiel auch zu einer Südamerika-Tournee aufbrechen will.
Mit einer anderen renommierten Truppe, dem Pariser Kammer-Ensemble Paul Kuentz, bereist er Anfang nächsten Jahres sämtliche 50 Staaten der USA. Scherbaum: "Geplant sind 75 Konzerte, aber es werden bestimmt viel mehr werden." Außer dem Brandenburger Bravour-Konzert, dem Zweiten, hat Scherbaum, dem das Konservatorium von Saarbrücken und die Folkwangschule in Essen je einen Lehrstuhl für Trompetenkunst offerierten, aber auch noch andere und ähnlich virtuose Blechkantilenen auf sein Programm gesetzt - so Konzerte der italienischen Barockmeister Vivaldi, Corelli und Torelli, so das virtuose Trompetenkonzert des Mozart-Vaters Leopold und das des Haydn-Bruders Michael, dessen einzig verfügbare Partitur er besitzt.

Seine Spezialitäten, die er, um seine Hamburger Mitmieter zu schonen, oft im Walde probt, pustet er zumeist auf einer nach eigenen Angaben gefertigten silbernen Barock-Trompete, einem Miniatur-Instrument von 60 Zentimeter Länge.
Mit ihm hat er durch flötenleises Trompeten-Piano und technisch brillante Fortissimo-Falsetts bisher noch mühelos seine Rivalen überboten - vor allem den Wiener Helmut Wobisch und den Pariser Maurice André Scherbaum: "Mein Pianissimo ist konkurrenzlos."
"Jahrelang", gesteht Scherbaum, "habe ich Hanteln gestemmt und bei den Proben alle Töne eine Oktave höher gespielt, um mein Zwerchfell in der Kontrolle zu halten. Nur so war es mir möglich, die Kraft für die hohen Töne zu bekommen."
Quelle der Kraft, die er für die Herrlichkeit seiner Super-Töne benötigt, sind zwei steinharte Lungen, in denen ein Basler Ärzte-Team vor Jahren 1,8 Atmosphären Überdruck in jenem Augenblick maß, als Scherbaum seinen höchstmöglichen Laut - ein dreigestrichenes b - von sich gab.
Die Wangenmuskulatur war bei derselben Note mit 2,2 Atü belastet - einem Überdruck, der es dem Künstler theoretisch gestatten würde, die Reifen seines schweren Citroen DS 19 ohne große Anstrengung aufzublasen.