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Konzert in der Carnegie Hall

Artikel in "Time" 1962

Der "Barockengel"

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere

New Grove Dictionary of Music and Musicians

Echo zum 75. Geburtstag

Scherbaum u. d. Glanz des Barocks

Rundfunksendung

Urteil von Maurice André

Erinnerungen von Ludwig Güttler

Brief von Edward H. Tarr

Brief von Philip Jones

Brief von Timofej Dokschitzer

Gheorghe Musat, Rumänien

Brief von Graham Ashton

Friedel Keim

International Trumpet Guild

Erinnerungen der Berliner Philharmoniker

Nachruf von Matthias Scherbaum

Scherbaum-Schüler Josef Bayer

Scherbaum-Schüler Josef Kneißl

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Himmelstreppe aus Trompetentönen

Mathes Reder - Gespräche mit Künstlern
Abendecho - 25.6.1965

Er hängt wie ein gesunder Apfel im Leben: Rund, rosig und pausbackig. Wenn er sein blitzendes Messingrohr an den Mund führt, beginnen die blanken Augen zu funkeln. Dann bläst er sich auf wie ein Kugelfisch, netzt die Lippen mit der Zungenspitze und pustet die schönsten Melodien durch seine Trompete. Wohin er auch kommt (und er kommt weit herum), überall wird Adolf Scherbaum, der weltbeste Bachtrompeter, stürmisch gefeiert.

Keiner bläst das Solo im 2. Brandenburgischen Konzert wie er. Keiner ist, wo immer barockes Trompetengeschmetter benötigt wird, begehrt wie er. "Scherstrong" nannte Schmidt-Isserstedt, Chef des NDR-Symphonie-Orchesters, den kleinen Mann mit den stählernen Lungen und spielte damit auf den schwarzhäutigen Jazztrompeter Louis Armstrong an. Was Satchmo den Jazzfans, ist Adolf Scherbaum den Freunden der Klassik. Mit liebenswürdigem Eifer führt uns der prominente Musiker in sein schalldichtes Studio. Kleines Hofkonzert für geladene Gäste.

Trompetenkonzerte waren im 17. und 18. Jahrhundert sehr beliebt. Der feierliche, frohe Ton des Instruments paßte zur barocken Lebensfülle. Danach aber gerieten sie fast völlig in Vergessenheit. Adolf Scherbaum mußte sich seine Programme mühsam zusammensuchen. Es hat sich gelohnt. Neben Bachs Bravourkonzert bläst er Werke von Vivaldi, Telemann, Torrelli, Stradella, Graupner, Fasch, Michael Haydn und Leopold Mozart.

Viel Lorbeer hat sich auf seinem Haupt gehäuft. Der jüngste Preis wurde ihm für die Plattenaufnahme "Virtuose Trompetenkonzerte" (Deutsche Grammophon 136 470) verliehen. Das Telegramm mit der Nachricht über diese neueste Auszeichnung trägt er noch jetzt, leicht zerknittert, in der Jackentasche.

Adolf Scherbaum wurde 1909 in Eger geboren. "Als ich acht Jahre alt war," erzählt er, "legte mein Vater meinem Bruder und mir zwei Instrumente vor, eine Klarinette und eine Trompete. Eins davon müßt ihr spielen, sagte er, sucht es euch selber aus." Der jüngere Adolf grapschte sofort und ohne lange zu überlegen nach der Trompete. Er hat sie bis heute nicht wieder aus der Hand gelegt.

Nach dem Musikstudium in Wien kam Adolf Scherbaum an das Landestheater in Brünn. Später zur Prager Philharmonie und nach Berlin. Nach dem Kriege wurde er Professor an der Hochschule für Musik in Preßburg. Seit 1951 lebt der Trompeter-Star in Hamburg. Hier spielt er im Symphonie-Orchester des Norddeutschen Rundfunks, gründete er 1962 sein eigenes "Barock-Ensemble". Es begleitet ihn auf allen seinen Reisen.

Erst vor kurzem kam er von einer Amerika-Tournee und einer zehntägigen Musikreise durch Italien zurück. Aber schon heute rüstet er fiir die nächste Reise. Anschließend übernimmt er eine Professur in Saarbrücken. Für 1966 steht eine Tournee durch Lateinamerika im Programm.

Scherbaums teure Trompetentöne, seine unnachahmlichen Fortissimo-Falsetts, sein hauchzartes Piano, fielen nicht vom Himmel. Bäche von Schweiß flossen über seine Stirn, ehe der Bach quellklar aus der Trompete kam. Um die Nachbarn seiner Wohnung in der Grindelallee zu schonen, fährt der Meistertrompeter täglich zu den Proben in die Umgebung der Stadt. Nur die Kühe von den benachbarten Wiesen sind hier seine aufmerksamen Zuhörer. Friedlich wiederkäuend lauschen sie den hellen, heiteren Klängen.

Zum Abschluß bekommen auch wir noch einmal eine Probe von Scherbaums virtuosem Spiel zu hören. In munteren Sprüngen geht es über die Tonleiter. Eine Himmelstreppe aus Trompetentönen. Voran der Musiker. Selbst ein trompetender Barockengel, schwebt er über dem Alltag. Immer höher. Wenn man so will, bis in den Himmel. Richtung: Musikabteilung!