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Sonderausstellung im Trompetenmuseum

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Fränkische Landeszeitung

Am Sonntag jährt sich Adolf Scherbaums Geburtstag zum 100. Mal
Der Mann für barocken Trompeten-Glanz
Weltweite Erfolge mit Bachs zweitem Brandenburgischen Konzert – Prägende Einflüsse

Heilsbronn. – Er war einer der Ersten und Großen seiner Zunft. In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den Konzertsälen der Welt, in London, Paris, Moskau, New York, Kapstadt und, und, und… gefeiert, auf Händen getragen dafür, wie er Johann Sebastian Bachs zweites Brandenburgisches Konzert blies. Adolf Scherbaum war ein Star wie sonst kein Trompeter zu dieser Zeit – allenfalls Maurice André konnte sich ab Mitte der Sechziger, damals noch am Anfang seiner Karriere, mit ihm vergleichen.

Aber Star mag man Adolf Scherbaum kaum nennen, falls zu einem Star Allüren und Unnahbarkeit gehören sollten. So etwas war dem offenen, umgänglichen, herzlich-humorvollen Musiker fremd. Scherbaum, der seit den frühen Siebzigern in Heilsbronn lebte, wo seine Frau als Ärztin tätig, war, verstarb vor neun Jahren hochbetagt. Am Sonntag wäre er hundert geworden. Am 23. August 1909 wurde er im böhmischen Eger geboren.

Die Bedeutung Adolf Scherbaums für die Geschichte der Interpretationskunst hat Maurice André einmal in einem noblen Satz zusammengefasst. Auf die Frage, wer nach ihm der größte Trompeter sei, antwortete er gewandt: „Nach mir kommen viele, aber vor mir war Adolf Scherbaum, dem ich das Beste verdanke – an seinem Spiel habe ich mich gebildet.“

Adolf Scherbaum war der richtige Mann zur rechten Zeit. Vor seiner Solokarriere, die für heutige Verhältnisse spät begann, war er ein gefragter Orchestermusiker. Er tat Dienst in Joseph Keilberths Deutscher Philharmonie Prag, bei Wilhelm Furtwänglers Berliner Philharmonikern oder in Hans Schmidt-Isserstedts NDR-Sinfonieorchester. Als die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts in den Nachkriegsjahren wieder einmal entdeckt wurde, war er der erste Trompeter, der das Barock-Repertoire für sein Instrument ausbaute. Das wurde deswegen nicht gepflegt, weil es kaum einer blasen konnte. Zu hoch, zu schwer, unspielbar, war die gängige Einschätzung. Adolf Scherbaum bewies, dass es doch geht. Mit modernen Instrumenten, vor allem seiner Piccolotrompete in B, verlieh er der Barockmusik Pracht und Glanz und holte sie in die Öffentlichkeit zurück. Wobei der Eindruck täuscht, dass sich auf der kleinen Ventiltrompete hohe Töne wie von selbst erzielen ließen. Sie lässt sich aber in der Höhe schöner und reiner blasen.

Gelöstes Trompeten-Problem

Bachtrompete hieß das Instrument schnell, obwohl es mit den ventillosen Trompeten zu Bachs Zeiten nichts zu tun hatte. Aber es war ein Instrument, um vorerst das sogenannte Tromba-Problem in Bachs zweitem Brandenburgischen Konzert zu lösen. Das 19. Jahrhundert hindurch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein konnte Bachs zweites Brandenburgisches nicht so aufgeführt werden, wie es in den Noten stand. Jene Passagen, die für Trompeter zu hoch schienen, wurden deshalb einfach eine Oktave tiefer geblasen, wenn nicht gleich die Trompete schlankerhand von einem Instrument wie dem Sopransaxophon ersetzt wurde.

Umjubelt in aller Welt

Adolf Scherbaum war zwar nicht der erste, der diese Partie nachweislich bewältigte - das gelang seinem Kollegen Paul Spörri schon 1932 -, aber er meisterte deren Schwierigkeiten mit einer solchen Bravour, dass er dafür in aller Welt bejubelt wurde. 400 Mal führte er das Brandenburgische Konzert auf, unter anderem auch bei der Ansbacher Bachwoche. 14 Mal spielte er es ein. Die Plattenfirmen und Dirigenten rissen sich um ihn. 1961 gründete er sein eigenes Ensemble. Heute, ein halbes Jahrhundert später, kann das zweite Brandenburgische tatsächlich wieder auf den ventillosen Barocktrompeten geblasen werden. Die einst verlorene Kunst, sie zu spielen, haben Trompeter wieder für sich erfunden.

Adolf Scherbaum holte auch ein anderes furchterregend schweres Konzert ins Repertoire zurück. Jenes Konzert, das den höchsten Ton enthält, der je für Trompete komponierte wurde, ein dreigestrichenes a: das D-Dur-Konzert von Michael Haydn. Jahrelang war Scherbaum der einzige überhaupt, der es wagen konnte, es nicht nur auf Platte, sondern wirklich im. Konzert zu spielen. Wobei: Das hatte nichts mit Wagemut und Tollkühnheit zu tun. Scherbaum konnte es einfach. Er hatte sich die bläserische Technik dazu erarbeitet.

Adolf Scherbaums Kunst wirkte. Sie war Vorbild und Anregung über Grenzen hinweg. Zwei Beispiele von ungezählten: Als Ludwig Güttler 1958 im Erzgebirge eine Rundfunkaufnahme des Weihnachtsoratoriums gehört hatte, beeindruckte ihn Scherbaums Trompetenspiel dermaßen, dass er beschloss, Trompete zu lernen. Er wurde ein Virtuose wie Scherbaum. Der japanische Bach-Dirigent Masaaki Suzuki hingegen hörte als Kind Mitte der Sechziger fast jeden Abend Karl Richters Aufnahme der h-Moll-Messe. „Ich habe noch sehr starke Erinnerungen an Richters Schallplatte, zum Beispiel auch an den Trompeter, Adolf Scherbaum", erzählte er im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ja, ich erinnere mich noch sehr gut, an sein Crescendo beim Dona nobis pacem zum Beispiel, alle Details kenne ich noch. Wenn ich jetzt diese Aufnahme hören würde, hätte ich als Dirigent andere Ideen. Der Einfluss war aber sehr stark".
Thornas Wirth