Mittelbayerische Zeitung 17. /18.10.1998

Die Heimatlichkeit der Welt
Jakob Hommes - zum 100. Geburtstag eines kämpferischen Philosophen       

Jakob Hommes

Der Name Hommes hat einen guten Klang. Wer ihn hört, denkt an den bekannten Philosophieprofessor der Universität Regensburg, der mit seinen Büchern über das Schöne und die Leichtigkeit auch ein nicht-akademisches Publikum angesprochen hat. Mit zahlreichen Beiträgen für Rundfunk und Fernsehen und einem ausgeprägten medienpolitischen Engagement ist Ulrich Hommes weit über die Grenzen seines Regensburger Wirkungskreises hinaus zum Begriff geworden.

Schaut man zurück in die fünfziger und sechziger Jahre, dann wird man feststellen: Es gab schon einmal einen bekannten Hommes - ebenfalls Philosoph von Profession, und ebenfalls für entscheidende Jahre in Regensburg tätig. Jakob Hommes, der Vater von Ulrich Hommes, war Professor und Rektor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule und nahm mit seinen Veröffentlichungen an den geistesgeschichtlichen Kontroversen seiner Zeit teil. Im Mfttelpunkt seines Denkens steht die Gefährdung des von Gott geschaffenen Menschen durch den Hochmut einer sich nur mehr technisch definierenden Zivilisation.

Jakob Hommes bestand darauf, dass der Mensch nicht auf seine Funktionalität zu reduzieren sei. Die Würde des Individuums als Person leitete er dabei vom Wirken eines personalen Schöpfergottes ab. Daraus ergab sich auch seine Forderung nach Ehrfurcht vor der Schöp fung. Nur wenn die "Erstursächlichkeit" Gottes anerkannt (und in der Natur wiedererkannt) werde, be komme die "Welt-, Geschichts- und Gesellschaftsfrömmigkeit der Gegenwart" einen akzeptablen Sinn.

Väter und Mütter statt Manager

Einer "Politik der totalen Vergesellschaftung des Menschen", die er im kommunistischen Osten, aber auch im kapitalistischen Westen am Werk sah, setzte Hommes die "Heiligung der Welt" entgegen. Gegen die "Herrschaft der bloßen Manager" stellte er die "Herrschaft der Väter und Mütter, die den Menschen als Menschen hegen und pflegen".

Ulrich Hommes charakterisierte 1968 in einem Aufsatz das Werk seines Vaters als "Sorge um das Ganze" und teilte die folgende Kernpassage aus einem hinterlassenen Manuskript des 1966 Verstorbenen mit:

"Es geht zuletzt um das Menschsein als solches, d.h. um die Heimkunft. Heimat findet nur, wer selbst Heimat gibt, und Heimat zu geben vermag nur, wer hoheitlich in sich selbst steht. Die Heimatlichkeit der Welt für uns alle bewahren wir nur, wenn wir in unserer rechtlichen Ordnung des Daseins dessen übergeschichtliche Grundlagen und damit die personale Hoheit des Einzelnen festhalten".

Wer die jüngste Enzyklika Johannes Paul II. über Glaube und Vernunft liest, wird erkennen, wie drängend aktuell das Denken Jakob Hommes' ist. Die Warnung des Papstes vor einer ausschließlich weltlich orientierten Wissenschaft, die sich den "letzten Sinnfragen" entziehe und so zu einem "potentiellen Zerrstörer des Menschengeschlechtes" werden könne, hat in Hommes einen beredten Vorläufer. Doch auch die Umweltbewegung kann Hommes als einen ihrer Wegbereiter wieder entdecken: Ebenso vehement wie für das Recht des Menschen auf eine nur ihm zukommende Würde trat er für die "Rechte der außermenschlichen Natur" ein.

Jakob Hommes war kein weltfremder Phantast. Nicht um Technikfeindlichkeit ging es ihm, sondern um die Orientierung des technischen Fortschritts an einem menschlichen Maß: "Heute aber (...) bricht die Erkenntnis durch, dass der Fortschritt in der wissenschaftlich-technischen Welt unaufhaltsam auch den Menschen selbst verwandelt, und dass daher die gemeinsamen menschlichen Dinge, die an sich schon immerfort bedroht sind, umsichtig neu bedacht werden müssen."

Für seine Studenten in Regensburg - überwiegend Theologen und Priesteramtskandidaten - war Jakob Hommes eine beeindruckende Gestalt. Nach den Worten seines Professorenkollegen Josef Schmucker wurde er nicht nur geschätzt und verehrt, sondern regelrecht geliebt. Der Mitherausgeber der jetzt erschienenen Festschrift "Person und Funktion", Friedrich Hartl, erinnert sich dankbar daran, "dass ich bei Professor Jakob Hommes von 1954 bis zu seinem Tod 1966 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Regensburg und in seinem privaten Schülerkreis studieren durfte. Dadurch habe ich für mein ganzes Leben eine geistige Prägung und Orientierung erfahren, die ich nicht missen möchte." Hartl hebt den Pragmatismus und Realismus des Philosophen hervor, der als überzeugter Katholik zwar "unbeirrt an der Lehre der Kirche festgehalten habe, aber "allergisch gegen fromme Phrasen" gewesen sei. Auch sein angespanntes Verhältnis zur modernen Technik litt Ausnahmen: "Ich kann mich noch gut erinnern", schreibt Hartl, "dass er ein grundsätzliches Unbehagen gegenüber dem Autoverkehr hatte, dass er aber froh war, wenn ich ihn in meinem Wagen mitgenommen habe. Als wohltuend und segensreich empfand er Verkehrsampeln, da sie das Ungestüm mancher Verkehrsrowdies zügelten und auch schwächeren Verkehrsteilnehmern (z.B. den Fußgängern) zu ihrem Recht verhalfen."

Ein Wissenschaftskrimi

Ein bleibendes Verdienst erwarb sich Jakob Hommes in den Jahren vor seinem Tod um die Universität Regensburg in ihrer heutigen Form. Seinen Kampf um die Überführung der Philosophisch-Theologischen Hochschule in eine ordentliche Fakultät der neuen Alma mater hat Generalvikar Wilhelm Gegenfurtner in der Festschrift detailliert und spannend beschrieben. Von der andernorts geäußerten Befürchtung, "in Regensburgs Pfaffenwinkel sollte eine Brutstätte schwarzer Indoktrination und Restauration erstehen" bis hin zur "Verschleppung der Aufnahme des vollen Studienbetriebes der Katholisch-Theologischen Fakultät" - womit die Querelen noch kein Ende hatten - schildert Gegenfurtner einen aufreibenden und intrigenreichen Prozess, den man nur als Wissenschaftskrimi bezeichnen kann...

Dass Jakob Hommes kämpfen konnte, das bestätigt sein Sohn Ulrich (eines von acht Kindern) heute im Gespräch: "Mein Vater war nie Pessimist. Er hat mit großem Nachdruck darauf bestanden, dass man gegen das, was man als Fehlleistung empfindet, etwas tun muß." Diese Überzeugung galt nicht nur für die Kämpfe der Geistesgeschichte, sondern auch für die Zumutungen des politischen Alltags. So musste Hommes senior in den dreißiger Jahren erleben, dass seine Habilitationsschrift an der Universität Freiburg abgelehnt wurde, als der zeitweilige Naziverehrer Martin Heidegger dort Rektor war. Hommes, damals Leiter des Lexikogmphischen Instituts beim Freiburger Herder Verlag, konnte das Verhinderte tatsächlich erst 1946 nachholen. Er bewahrte sich ein Leben lang seine Respektlosigkeit vor Herrscherthronen. Die Würde des Menschen war für ihn wahrhaft unantastbar.

    Karl Birkenseer


Zum Gedenken an den 110. Geburtstag von Prof. Jakob Hommes erschien folgende Gedenkschrift:

Walter M. Neidl / Friedrich Hartl (Hrsg.), Person und Funktion. Festschrift zum Gedenken an den hundertsten Geburtstag von Jakob Hommes. - Regensburg 1998, 240 S.

Mitarbeiter der Festschrift sind unter anderem die Regensburger Professoren Franz Mußner und Wolfgang Nastainczyk, sowie Generalvikar Dr. Wilhelm Gegenfurtner. Jakob Hommes' zentrale geistesgeschichtliche Auseinandersetzung mit der Personalität des Menschen wird in den unterschiedlichen Beiträgen der Festschrift in Fragestellungen der Philosophie, der Theologie, der Kunst und der Pädagogik dargestellt.

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