(DER
STANDARD Printausgabe 24/25.7.2004)
Der liebe
Gott sieht alles"
Mit einiger Verspätung erlebt nun
auch die Kirche ihre "sexuelle Revolution" - ein Gespräch mit
E. Drewermann
Zwischen den Vorfällen im
Priesterseminar St. Pölten und den Idealen der hauptberuflichen Nachfolger
Christi herrscht ein deutlicher Widerspruch. Über diesen sprach Bert Rebhandl
mit dem deutschen Theologen Eugen Drewermann
Mit einiger Verspätung erlebt nun
auch die Katholische Kirche ihre "sexuelle Revolution". Aber es
handelt sich dabei nicht um eine Befreiungsbewegung, wie sie die westlichen
Gesellschaften seit den Sechzigerjahren erlebt haben, sondern um die
neurotischen Reaktionen darauf: Der Klerus, durch den Pflichtzölibat in eine
einsame Gegenposition zu einer freizügigen Umwelt gestellt, kommt mit dieser
Last nicht mehr klar. Während die Zahl der Priesteramtskandidaten immer stärker
zurückgeht, häufen sich die Berichte von sexuellen Übergriffen auf Minderjährige.
Die verstärkte Aufmerksamkeit auch der Medien für Kindesmissbrauch hat zu
einer Welle von Klagen vor allem in den USA geführt. Homosexuelle Beziehungen
zwischen Klerikern werden nicht länger diskret behandelt. Das Lehramt reagiert
darauf defensiv, während die Gläubigen sich im Alltag ihre Freiheiten einfach
nehmen. Zwischen den Vorfällen im Priesterseminar St. Pölten und den Idealen
der hauptberuflichen Nachfolger Christi herrscht ein Widerspruch, der durch die
ganze Amtskirche geht. Der Theologe Eugen Drewermann beschäftigt sich seit
langer Zeit mit den Entstellungen der jesuanischen Lehren in zweitausend Jahren
Kirchengeschichte. Er plädiert im Gespräch mit dem Standard für eine radikale
Neudefinition des christlichen Verhältnisses zur Welt, äußert sich aber
insgesamt skeptisch über die Reformfähigkeit der "ecclesia semper
reformanda".
Hoffen auf ein Wunder
Der Standard: Kinderpornographie, homosexuelle Beziehungen,
Vertuschungsversuche: Die Vorgänge im Priesterseminar der Diözese St. Pölten
enthalten vieles, was Sie in Ihrem Buch "Kleriker" als
"Psychogramm eines Standes" beschrieben haben.
Drewermann: Die Katholische Kirche kann nicht leugnen, dass es einen
Zusammenhang zwischen der Zölibatsforderung und dem Fehlverhalten der Kleriker
gibt. Den größten Teil der nahezu mit Notwendigkeit entstehenden Opfer bilden
die Frauen, die sich in Priester verlieben. Sie haben häufig ganz
"gesunde" Beziehungen, werden aber durch die Vorschriften der Kirche
gezwungen, diese Liebe mit Füßen zu treten. Viele dieser Beziehungen
scheitern, die Kinder wachsen, aufgrund einer Erpressung der Katholischen Kirche
an ihren Vertretern, vaterlos auf. Das ist die erste, die noch weitgehend
gesunde Schicht der Qual, die die Katholische Kirche chronisch produziert. Darüber
hinaus werden aber ständig Gehemmtheiten verfeierlicht, bei Menschen, die persönliche
Reife gar nicht erreichen dürfen. Sie stehen unter einem Triebdruck, aber ihre
Ausbildung arbeitet diese Gehemmtheiten nicht durch.
Handelt es sich bei
Homosexualität unter Klerikern um eine spezifische Form?
Drewermann: Die Psychologie spricht von einer Entwicklungshomosexualität
in jungen Jahren. Diese wird bei religiösen Menschen häufig unter Angst
festgeschrieben, sie wird in klerikalen Bindungen gefangen gesetzt. Ich zweifle
nicht an den Statistiken, die einen Anteil von 40 Prozent Homosexuellen im
Klerus errechnen. Es ist das Ergebnis einer einfachen Rückkopplung: Es gibt das
Ideal, ohne sexuelle Kontakte zu leben. Die Sexualität wird verdrängt,
deswegen ist die ja eigentlich vorläufige Entwicklungshomosexualität das
einzige Stadium, das sich ohne schwerste Schuldgefühle erreichen lässt.
Homosexuelle Priester in einem Seminar halten im Grunde ja auch das zölibatäre
System sehr gut in Funktion: Sie wenden sich einander zu, und gehen nicht
hinaus.
Der Zölibat hängt am Amt, man
schwört Gott die Treue.
Drewermann: Theologisch ist das der unhaltbarste Punkt. Es gibt keine
Alternative zwischen Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen. Jesus wollte
diesen Widerspruch überwinden, der später in der Kirchengeschichte wieder
eingeführt wurde und inzwischen eine zwanghaft-sadistische Ausrichtung bekommen
hat: Der Katholizismus verfeierlicht alle monströsen Fehlleitungen im
Sexualverhalten, und stellt ihnen ein Frauenbild der Reinheit, der
Unantastbarkeit entgegen. Jede unerwünschte Schwangerschaft ist schon ein
Verbrechen. Das normale Sexualleben wird dadurch monströs schwierig.
Die Sexualmoral hat das
Lehramt, wie auch die Dogmatik, über Jahrhunderte hinweg entwickelt.
Drewermann: Das ist eben der Punkt: Es kommt aus einem extrem
zentralistischen Patriarchalismus. Das ist ein ganz klarer Rückfall hinter das
Evangelium. Die Verbitterung, die dieses System produziert, geht in die
Ausbildung ein. Es entsteht eine Akzeptanz der Doppelmoral, damit die Lehre
intakt bleibt. Eine Kirche, die so tut, kann nicht als seelsorglich
verantwortlich empfunden werden. Und sie tut alles, um dieses System autoritär
abzusichern: Die Theologen haben eine Gehorsamsverpflichtung gegenüber dem
Lehramt, sie müssen das lehren, was die Glaubenskongregation vorschreibt. Das
wirkt sich auf die Studierenden aus. Menschen, die nicht selbständig denken
lernen, sind auch im Triebbereich leichter beherrschbar - aber nur bis zu einem
gewissen Grad.
Das System insgesamt, die
Ausbildung von Priestern und die Institutionen, in denen sie erfolgt, scheint
sich immer mehr abzuschließen.
Drewermann: Das System leidet an einem unlösbaren Zielkonflikt: Die
Weltoffenheit der Kirche geht nicht zusammen mit der Verschlossenheit der Amtsträger.
Der Zölibat machte Sinn für Priester, die sich aus der Welt zurückziehen
wollten.
In der Aufbruchsstimmung nach
dem 2. Vatikanischen Konzil in den Sechzigerjahren schien der Pflichtzölibat
beinahe schon erledigt.
Drewermann: Zumindest suchte ausgerechnet der konservative Papst Paul VI.
einen realistischen Umgang mit den Problemen. Man ließ Priester heiraten, hat
ihnen die Laisierung nicht verweigert, und versuchte sogar, den Übergang in
andere Berufe zu unterstützen. Es gab dadurch natürlich einen dramatischen
Schwund aus dem Amt. Unter Johannes Paul II. gab es einen Kurswechsel, jetzt
werden in Rom kaum mehr Laisierungen unterschrieben. Durch das Fehlen einer
beruflichen Alternative werden die Priester in ihrem Amt praktisch stranguliert.
Will Rom eine Kaderkirche?
Drewermann: Eine Beamtenschaft der vollkommenen Selbstauslieferung. Freud
hat in seiner Massenpsychologie den Vergleich mit dem Militär gezogen - das
trifft hier auch zu. Es ist eine archaische Struktur.
Die der St. Pöltener Bischof
Krenn immer mit Nachdruck vertreten hat.
Drewermann: Bischof Krenn ist eigentlich eine tragische Figur. Er kommt
aus einer Zeit, als eine Generation sich gerade bedingungslos einem Führer
angeschlossen hatte. Es war der Falsche, und Krenn glaubte nun, den Richtigen zu
kennen. Das Führerprinzip aber hat er nicht durchschaut. Dieser Irrtum hat sich
in der Kirche verfestigt, mit allen fatalen Folgen.
Was kommt zum Ausdruck in der
Tatsache, dass Kinderpornographie auf einem Computer im Seminar gefunden wurde?
Drewermann: Niemand kann Gefallen an Kindern finden und sie sexuell
begehren, ohne selbst ein Kind in seiner Triebentwicklung geblieben zu sein. Als
die Katholische Kirche noch in alter Macht und Herrlichkeit dastand, hat sie
ganze Generationen erzogen, die zwischen dem Alter von zwölf Jahren, dem Beginn
der Sexualität, und der Eheschließung mit, sagen wir einmal, 25 Jahren jede
sexuelle Empfindung und Betätigung als schwere Sünde empfinden musste. Kindern
wurde schon im Erstkommunionunterricht dieses Bewusstsein gegeben. Um der
Heiligkeit willen wurde häufig die ganze Sexualität einfach geleugnet. Die
Kirche gab "engelgleiche Jünglinge" wie den Heiligen Aloisius als
Vorbilder - da darf man sich über gewisse Fixierungen nicht wundern.
Steht jetzt, da in den USA ständig
neue Fälle bekannt werden, da die Diözese Portland deswegen sogar in Konkurs
gegangen ist, das System auf dem Spiel, oder geht es nur um Einzelfälle?
Drewermann: Die Kirche schiebt die Schuld immer auf den Einzelnen, das
ist ihr Prinzip, weil sie sich sonst dramatisch ändern müsste. Sie verhält
sich wie eine Behörde.
Die gesellschaftliche Säkularisierung
macht ihr ohnehin schwer zu schaffen. Sie wird ein Randphänomen.
Drewermann: Sie hat sich selbst dafür entschieden. Es ist falsch, sich
gegen die Säkularisierung, also gegen Verweltlichung, zu stellen. Das war am
Beginn der Neuzeit auch theologisch die falsche Idee. Gott ist nicht Gott nur am
Sonntagvormittag, er erfasst das ganze Leben. Säkularisierung verstehe ich als
eine Frömmigkeitshaltung, die Gott nicht ausspart. Die Katholische Kirche setzt
auf die Rettung einer magischen Enklave, in der sie sitzt und auf Wunder hofft.
Hoffnung kommt, so scheint es
zumindest, aus der Weltkirche. In den Entwicklungsländern verbindet sich der
Glaube mit der lokalen Kultur.
Drewermann: Ich zweifle daran, dass sich dadurch die zentralen Probleme
der Kirche lösen lassen, die auf einer jahrhundertelangen Erstarrung beruhen.
Ist die Katholische Kirche denn
überhaupt noch reformfähig?
Drewermann: Das ist eine schwere Frage. Ich glaube, die Sache ist längst überdreht.
Die Kirche hat im 16. Jahrhundert den Protest aus den eigenen Reihen abgelehnt,
sie hat sich im 19. Jahrhundert gegen Vernunft und Freiheit gestellt. Ich
glaube, dieser Status ist nicht veränderbar, ohne das gesamte System zu erschüttern.
Als Gorbatschow begann, den sowjetischen Kommunismus zu reformieren, stellte
sich auch schnell heraus, dass da nichts mehr zu retten war. Das übersehen auch
die Kritiker der Katholischen Kirche. Es bedürfte einer gänzlich veränderten
Sozialpsychologie, und ich sehe nicht, woher die kommen sollte.
Das Papsttum müsste auch völlig
anders definiert werden, will man es nicht einfach abschaffen.
Drewermann: Dazu gäbe es sogar Ansätze! Sehen Sie: Die Katholische Kirche ist
die einzige Religionsgemeinschaft, die auch ein Staat ist. Der Vatikan ist sogar
UN-Mitglied. Da ließe sich etwas daraus machen. Stellen Sie sich vor, der Papst
hätte die 37 Leute von der Cap Anamur aufgenommen und gesagt: Wir verstehen
Gnade als Teil des Umgangs der Ersten mit der Dritten Welt. Ein Staat für
Asylsuchende und gegen die Asylpolitik der EU, das wäre eine Transformation aus
der Enklave heraus. Der Vatikan müsste aufhören, sich als Großmuseum zu
verstehen, als das Gefängnis, zu dem er sich seit der Renaissance entwickelt
hat. Er steht für eine Religionsgeschichte, die nicht bei Jesus, sondern im
Mittelalter einsetzt. Tausend Jahre sind genug.
Was nun?
Drewermann: Wir müssen dan ganzen Weg noch einmal zurückgehen. Bis an
den Anfang der Neuzeit.
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